Dirk Speckmann - Für ein lebenswertes Borgholzhausen

In Borgholzhausen und Westbarthausen fanden heute Gedenkfeiern anlässlich des Volkstrauertages statt, anschließend wurden (leider im strömenden Regen) an den Ehrenmälern seitens der Vereine und der Stadt Kränze niedergelegt.

Ich danke allen Beteiligten für ihr Mitwirken und den Gästen für ihr Kommen.

Im Folgenden finden Sie meine bei beiden Anlässen gehaltene Rede.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich begrüße Sie zu unserer Gedenkfeier und danke Ihnen für Ihr Kommen. Wir haben uns hier versammelt, um der Menschen zu gedenken, die in der Vergangenheit und unserer Gegenwart Opfer von Krieg und Gewalt wurden, und um uns zu fragen, was wir heute für Frieden und Freiheit tun können.

Der Volkstrauertag ist ein Tag der Trauer, der Nachdenklichkeit und der Mahnung. Er ist ein Tag, der fragt, was die Toten von damals uns zu sagen haben und was wir heute gegen Krieg und Gewalt tun können. Er erinnert uns an dunkelste Zeiten unserer Geschichte, an die beiden Weltkriege und an die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Er erinnert uns an ein Leid und Grauen, für die es im Grunde keine Worte gibt.

70 Jahre ist es jetzt her, daß der von den Nazis entfesselte 2. Weltkrieg zu Ende ging und Deutschland von der NS-Herrschaft befreit wurde. Mit seinen 55 Millionen Toten – Soldaten, Opfer des Luftkrieges, Flüchtlinge, Vertriebene und Opfer der Gewaltherrschaft – war es der größte und blutigste zusammenhängende Konflikt in der Geschichte der Welt.

Dann schwiegen endlich die Waffen und das barbarische Regime ging unter. Am Ende dieses Krieges lag Europa in Trümmern und wurde zudem bald durch den Eisernen Vorhang geteilt.

Es begann der Kalte Krieg zwischen Ost und West, die Aufrüstung und wechselseitige Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen – und wir waren mit der Radarstation auf dem Hollandskopf und der Raketenabschussbasis auf dem Sundern mittendrin. Doch so zynisch das auch klingen mag: Trotz all der Anspannung brachte diese Zeit der genauen Kenntnis, wie die jeweilige Gegenseite reagieren würde, eine Art Ordnung und Ruhe.

Einen ganz wesentlichen Teil zum friedlichen Zusammenleben in Europa leistete auch die Versöhnung und Verständigung in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg, die in die Europäische Union mündete.

Als der Kalte Krieg zwischen Ost und West 1989 zu Ende ging, sich Deutschland wiedervereinigen konnte und die Europäische Union um viele Osteuropäische Staaten wuchs dachten wir, dass nun auf Dauer Friede sei. Gräben wurden überwunden, aus den Feinden von früher wurden Freunde, das Gedenken an die Opfer findet heute auch gemeinsam statt. Das sollten wir nicht vergessen, das war und ist eine große gemeinsame Leistung.

Und doch gab es in Europa auch in den letzten 25 Jahren weiter regionale Krisenherde, insbesondere auf dem Balkan. Und mit dem Terrorismus entstand eine ganz andere Art von Konflikt und latente Bedrohung, die uns die Anschläge in Paris am Freitag leider gerade wieder vor Augen führten.

Besonders erschreckend sind auch die vielen in den letzten Jahren aufgeflammten Bürgerkriege und Milizenkämpfe am Rande Europas – in unser aller Bewußtsein sind hier die Ostukraine, Syrien und seine Nachbarländer, sowie Lybien und andere Teile Nordafrikas.

Die modernen Medien dokumentieren uns tagtäglich all das Leid, was daraus resultiert, die vielen Toten und Verletzten, die Familien die um die Opfer trauern – und die Flüchtlinge, die um ihr Leben fürchten und dem Morden und Kämpfen entgehen wollen.

Ich hatte vor 2 Wochen die Gelegenheit, in Bielefeld einem Vortrag von unserem Außenminister Frank-Walter Steinmeier zuzuhören. Er betonte, daß er sich in seiner eigenen politischen Biographie nicht an eine solche Vielzahl gleichzeitiger gefährlicher Konflikte in der Welt erinnern könne.

Er sah eine der Ursachen darin, daß mit dem Ende der Sowjetunion, des Warschauer Paktes und des Kalten Krieges, die alte Zweiteilung der Welt zu Ende war. Das war für Deutschland und viele andere Staaten und ihre Bürgerinnen und Bürger eine wunderbare Entwicklung – aber an die Stelle dieser alten Ordnung sei bislang keine wirkliche andere neue Ordnung getreten.

Diese vielen nun jahrelang anhaltenden Krisen führen dazu, daß es derzeit so viele Flüchtlinge in und um Europa gäbe wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

das Schicksal dieser Menschen, die vor Bürgerkrieg und Verfolgung, vor Terror und bitterster Armut fliehen, darf uns nicht gleichgültig lassen. Viele haben Grausames erlebt, haben Ihre Liebsten verloren. Sie brauchen eine Zufluchtsstätte, in der sie sicher leben können.

Die allermeisten flüchten zuerst in ihre Nachbarländer in der Hoffnung auf Schutz vor dem Tod durch Waffen oder auch dem Tod vor Verhungern. Doch je stärker diese Nachbarländer – nicht zuletzt auch durch mangelnde humanitäre Hilfe von außen – überfordert sind, und je geringer die Hoffnung der Flüchtenden auf ein baldiges Ende des Krieges und eine kurzfristige Rückkehr in ihre Heimat ist, desto mehr Menschen machen sich auf eine weite und häufig sehr gefahrvolle Reise. Sie suchen Zuflucht in Europa und gerade auch bei uns.

Wir sollten uns an einem Tag wie heute noch einmal vor Augen führen, daß auch in den Zeiten Nazi-Deutschlands viele Menschen ihr Leben nur durch Flucht ins Ausland retten konnten - und wie viele mehr hätten überleben können, wäre es damals nicht in vielen Ländern zu einer gewissen Zurückhaltung oder gar Abschottung gekommen.

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges ist Deutschland zu einem Zufluchtsland derer geworden, die in ihrer Heimat unter Gewalt und Vertreibung leiden. Direkt nach dem Krieg machten sich Millionen Vertriebene auf den Weg vor allem in die damals westlichen Besatzungszonen. Nach dem Fall der Mauer kamen viele deutschstämmige aus Osteuropa in unser Land. Und angesichts dieser unserer Geschichte hat das Recht auf politisches Asyl einen hohen Stellenwert bei uns.

Daher bin ich froh über die auch in Borgholzhausen gezeigte Willkommenskultur. Ich bin froh über den ehrenamtlichen Beitrag vieler unserer Bürgerinnen und Bürger, damit sich die Flüchtlinge hier sicher und aufgenommen fühlen und wir sie für die Dauer ihres Aufenthaltes bestmöglich integrieren. Diesen Helfern gebührt auch und gerade an dem heutigen Tag mein und unser aller ausdrücklicher Dank.

Ich will aber auch nicht verhehlen, daß das derzeitige Ausmaß der Migrationsbewegung nach Deutschland zunehmend die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft übersteigt - zumindest wenn wir riesige Zeltstädte und Notunterkünfte als dauerhafte Lösung ablehnen.

Daher sind gerade auch im Blick auf die gemeinsame Geschichte alle Länder Europas hier die Pflicht zu nehmen. Zudem müssen wir den vielen Flüchtlingen in ihren Lagern der Nachbarländer wie z.B. Libanon oder Jordanien besser helfen. Letztlich entscheidend ist aber, dass die Kriegführenden durch diplomatischen Einsatz und notfalls auch Druck zur friedlichen Lösung ihrer Konflikte gebracht werden.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

noch ist leider kein Ende des Mordens auf der Welt absehbar, kein Ende leidender Familien um Ihre Toten, trauernder Frauen um ihre Männer, trauernder Eltern um ihre Kinder, trauernder Kinder um ihre Eltern. Der Volkstrauertag ist und bleibt daher wichtig als Tag der Trauer und Erinnerung, als Tag der Mahnung, und als ein Tag der Hoffnung auf eine Welt ohne Krieg, Flucht und Vertreibung.

Bei meinen Worten zum Volkstrauertag im vergangenen Jahr in Westbarthausen betonte ich noch, wie wichtig es ist, die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen des 2. Weltkrieges zu erhalten und dokumentieren, und auch die heutige Jugend zu motivieren sich damit auseinanderzusetzen. Solch persönliche Schicksale gehen viel mehr zu Herzen und haben damit mahnende Wirkung, als noch so grausame aber letztlich abstrakte Zahlen wie 55 Mio. Tote oder Millionen Flüchtlinge und Vertriebene.

Damals habe ich selbst noch nicht damit gerechnet, dass nun jeder von uns mit den jetzigen Flüchtlingen gleich nebenan sprechen kann. Nutzen Sie die Gelegenheit, gehen Sie auf diese Menschen zu, helfen Sie Ihnen - und lassen sich,. sobald die sprachlichen Barrieren überwunden sind, hautnah berichten über ihre schrecklichen Kriegserfahrungen, die gefährliche Flucht aus ihrer Heimat, und ihre Trauer zum Beispiel über die zurückgelassenen Familienmitglieder.

Wir haben es in unserer eigenen Geschichte erfahren, aber gerade jetzt sehen wir es auch in unserer Gegenwart hautnah: Es ist nicht selbstverständlich, in Frieden und Freiheit, in einer Demokratie und einem die Menschenrechte wahrenden Staat zu leben. Diese Werte müssen immer wieder neu errungen und verteidigt werden.

Daher ist es unsere Verpflichtung, nicht die Augen vor Hass und Gewalt zu verschließen, sondern einzuschreiten, wenn Mitmenschen oder die Grundrechte bedroht sind. Frieden und Menschenrechte brauchen Menschen, die für sie eintreten – immer und überall.

Herzlichen Dank.

Dirk Speckmann, Bürgermeister